Wie wenig Abstraktion verträgt die Kunst?

Milo Moiré’s Performance während der Ausstellung „Das Nackte Leben“ im LWL-Museum in Münster war eine Begegnung der künstlerischen Akte verschiedener Art. In ihren Armen ein nacktes Baby haltend besuchte sie die Finissage völlig unbekleidet nur in Absatzschuhen. Ohne Absprache mit der Museumsleitung betrachteten die beiden die Kunstwerke in den Räumlichkeiten. Dabei trafen sie auch auf Museumsbesucher, die sich mehr oder weniger irritiert wohl die Frage stellten, ob die nackte Frau mit dem Kind Teil der Ausstellung sei.
Ihre Performance hinterfragt die Grundhaltung zu abstrakter und figurativer Kunst. Ist ein Gemälde mit naturalistischem Inhalt nicht selbst eine Abstraktion? Weshalb fällt es vielen Menschen schwer Performance als Kunst zu betrachten?

Als Moiré zum ersten Mal von der Ausstellung erfuhr stellte sie sich die Frage: „Was könnte das absolute Motiv einer Ausstellung sein, die sich dem nackten Leben widmet und nach konkreter Sinneserfahrung appelliert?“ Selbst nach einer kuratierten Führung im Museum war ihr klar, es fehlte das eine Sujet. Das konnte nur eine Mutter und ihr Neugeborenes sein. Das Symbol nackten Lebens muss pure Intimität zwischen zwei Menschen sein: Nackt und schutzlos mit bedingungsloser Geborgenheit.

 

Die ausgestellten Londoner Künstler wie Bacon, Freud oder Hockney wollten in den 1950er Jahren als Gegenpol zur damals dominierenden abstrakten Malerei aus den USA das Gegenständliche in die Kunst zurück holen. Sie malten figurativ und zeigten wahrhaftige Lebenssituationen. In Einklang mit der Haltung der ausgestellten Künstler beabsichtigte auch Moiré das Alltägliche abzubilden. Dabei entfernte sie sich von der abstrakten Darstellungsform noch einen Schritt weiter. Sie zeigte ihr Hauptmotiv für „Das nackte Leben“: Ein nackter Säugling geborgen im Arm einer nackten Frau.

The Naked Life  

Diese unmittelbare Erfahrung des lebendigen Aktes fordert dazu auf gewohnte Wahrnehmungsformen zu reflektieren. Wie nah darf sich die Darstellungsform in der Kunst am Alltäglichen bewegen? Milo Moiré’s Performance Das Nackte Leben hinterlässt die Frage im musealem Raum: Wie wenig Abstraktion verträgt die Kunst? Ist es noch Kunst wenn es real, sprich ein echter Körper ist? Ist es nicht vielleicht gerade der geistige Akt der Abstraktion, der das Alltägliche zur Kunst erhöht?
Je nahbarer etwas ist umso mehr erfordert es unsere geistigen Prozesse um etwas anders sehen zu können. Konzept und Kontext lassen uns einen neuen Sinnzusammenhang erfahren und können selbst menschliche Körper zum so genannten Objet trouvé erheben. Moiré ist nicht nur Künstlerin sondern auch Kognitionspsychologin und summiert: „Entscheidend ist mit welcher Bedeutung man die Dinge auflädt“.

The Naked Life